Forschen schadet Ihrer Gesundheit
Von Dietmar Jazbinsek
Der Sozialwissenschaftler Peter Atteslander ist
ein angesehener Fachmann für Präventionsfragen – dabei liess er sich
jahrelang von der Tabakindustrie für seine angebliche Unabhängigkeit
bezahlen. Er bestreitet die Vorwürfe der verdeckten Lobbyarbeit,
doch die Fakten lassen sich nicht vernebeln.
Auch in der Welt der Wissenschaft gibt es
Bestseller. So hat es ein Buch mit dem spröden Titel «Methoden der
empirischen Sozialforschung» von 1968 bis 2003 auf zehn Auflagen mit
über 100000 Exemplaren gebracht. Bis heute gehört der Band für viele
Studenten zur Pflichtlektüre in Sachen Interviewführung oder
Stichprobenbildung. Autor des Standardwerks ist der 1926 in
Gänsbrunnen (Kanton Solothurn) geborene Soziologe Peter Atteslander.
Weil er im Laufe seiner Karriere den Problemen der
Gesundheitsförderung besondere Bedeutung beigemessen hat, bezeichnet
sich Atteslander gelegentlich als «Sozialforscher im Bereich der
Präventivmedizin». Von einem Experten für den vorbeugenden
Gesundheitsschutz kann man erwarten, dass er keine allzu grossen
Sympathien für das Rauchen hegt. Darum klang es wie ein schlechter
Scherz, als Atteslander Anfang 2001 in einem amerikanischen
Forschungsbericht als «archetypischer Berater der Tabakindustrie»
tituliert wurde. Verfasser der Studie waren der Medizinprofessor
Stanton Glantz von der University of California und sein damaliger
Student Chung-Yol Lee, der heute als Abteilungsleiter am Berner
Bundesamt für Gesundheit tätig ist.
Ihr Bericht beruhte auf
einer Auswertung von internen Unterlagen der Zigarettenindustrie.
Zunächst schien kaum jemand die Vorwürfe gegen Atteslander ernst zu
nehmen. Noch im selben Jahr verlieh ihm die
Johannes-Kepler-Universität Linz den Titel eines Ehrendoktors. Im
März 2001 veröffentlichte die Neue Zürcher Zeitung eine Laudatio auf
ihren langjährigen Kolumnisten aus Anlass seines 75. Geburtstages.
Zum Eklat kam es erst, als die US-Studie einige Monate später in
einem Editorial des Swiss Medical Forum zitiert wurde. Im Januar
2004 warf Atteslander seinen Kritikern öffentlich vor, ihn mit
«abenteuerlichen Behauptungen» zu verleumden. Ist der international
renommierte Sozialwissenschaftler das Opfer einer Rufmordkampagne
geworden?
Horch, was «die Antis» tun
Worum es geht, kann jeder
Internetnutzer nachprüfen, denn die Unterlagen, auf die sich Lee und
Glantz berufen, sind allesamt online abrufbar. Aus den Dokumenten
geht hervor, wie eng Wissenschaftler in aller Welt mit der
Tabakindustrie und den von ihr finanzierten Stiftungen
zusammengearbeitet haben. «Big Tobacco» war ein ebenso spendabler
wie diskreter Geldgeber, wenn es um die Förderung von
Forschungsprojekten oder die Veranstaltung von Kongressen ging.
Hatte ein Akademiker seine besondere Loyalität gegenüber der Branche
unter Beweis gestellt, bekam er die Chance, in den Kreis ihrer
«Berater» aufzusteigen. Zu ihnen gehörte auch Peter Atteslander.
Seinen eigenen Angaben zufolge war er von 1988 bis 2001 für die
Vereinigung der Schweizerischen Zigarettenindustrie und die
Philip-Morris-Niederlassung in Neuenburg tätig. Im März 1990
stellten drei Manager des Marlboro-Produzenten ein Arbeitsprogramm
für Atteslander zusammen, das auf einem fünfzigseitigen
Strategiepapier des Soziologen basierte. Die Liste seiner Aufgaben
enthielt unter anderem folgende Punkte:
«- Verteidigung der
Industrieinteressen als unabhängiger Wissenschaftler gegenüber
dritten Parteien (z.B. dem Gottlieb Duttweiler Institut) [...]
- Beschaffung nützlicher Informationen über dritte Parteien
[...]
- Analyse der Antriebskräfte und Infiltrationsmethoden
der Antis» (gemeint sind die Gesundheitsschützer).
Die
Budgets, die dem Berater zur Verfügung gestellt wurden, summieren
sich in den Jahren 1991 bis 2000 auf einen Gesamtbetrag von mehr als
500000 Schweizer Franken. Atteslander legt heute Wert auf die
Feststellung, dass dieser Finanzetat nicht mit seinen effektiven
Bezügen übereinstimmte. Die Abrechnung der Gelder erfolgte über das
Londoner Büro der amerikanischen Anwaltskanzlei Shook,
Hardy&Bacon. Zusätzlich zu den persönlichen Honoraren machte der
Professor eine Reihe von Extrabeträgen geltend. So verlangte er im
Januar 1992 exakt 39834,80 DM für die Bezahlung seiner Assistentin
an der Universität Augsburg, wo er seit 1972 einen Lehrstuhl für
Soziologie und empirische Sozialforschung innehatte. Als das
Anwaltsbüro zögerte, die Rechnung zu begleichen, schaltete sich der
Philip-Morris-Mann Helmut Gaisch ein. Nur dank der Übernahme der
Lehrverpflichtungen durch seine Untergebene sei Atteslander dazu in
der Lage, so Gaisch, sich als «Lobbyist, Berater und Experte
innerhalb der EU, der WHO und der deutschen Regierung für die
Interessen von Philip Morris einzusetzen».
Sabotage der WHO
Wie diese Lobbyarbeit konkret ablief,
zeigt das Beispiel der Weltgesundheitsorganisation. Ende 1988 hatten
Topmanager der Zigarettenbranche im sogenannten «Boca Raton Action
Plan» den Entschluss gefasst, das Tabakkontrollprogramm der WHO zu
sabotieren. Zu diesem Zweck sollten eigene Berater als vermeintlich
unabhängige Fachleute in die Gesundheitsorganisation eingeschleust
werden. Peter Atteslander hatte dank seines Renommees als
Lehrbuchautor offenbar keine Mühe, an Einladungen zu WHO-Konferenzen
heranzukommen. Nachdem er im November 1991 einen Kongress zum Thema
«Public Health in the Year 2000» besucht hatte, informierte er seine
Leute bei der Tabakindustrie über «die zu erwartenden Aktivitäten»
der Gegenseite. Als ein Jahr später eine Folgekonferenz stattfand,
beantragte Atteslander bei dem Londoner Anwaltsbüro die Übernahme
seiner Reisekosten, um seine Kontakte zur WHO vertiefen zu können.
Wie wichtig diese Kontakte für die Industrie sein konnten, sollte
sich schon kurze Zeit später erweisen. Im April 1993 erfuhr der
Soziologe während eines Aufenthalts in Peking, dass die chinesische
Regierung eine landesweite Untersuchung plante, um den
Gesundheitszustand der Bevölkerung zu erfassen. Nach seiner Rückkehr
plädierte er gegenüber dem Philip-Morris-Konzern für einen Eingriff
in das laufende Forschungsprogramm und bot von sich aus an, bei der
«Beschaffung und Überprüfung des Fragebogens» behilflich zu sein. In
der Folge schrieb Atteslander mehreren Repräsentanten der WHO und
erkundigte sich nach Details der China-Studie. Für wen die
Informationen gedacht waren, erwähnte er in seinen Briefen nicht. Im
August 1995 konnte er nach einem weiteren China-Besuch vermelden,
dass die Regierung lediglich an Planungsgrundlagen für die
medizinische Infrastruktur interessiert war und
«Anti-Raucher-Kampagnen nicht auf der Prioritätenliste stehen». Auch
die Mitteilung, dass es sich bei der Pekinger Vertretung «um ein
völlig ineffektives Aussenbüro der WHO handelt», war für die
Tabakleute eine gute Nachricht. China gilt für die
Zigarettenhersteller als Markt der Zukunft, seit sie in den
westlichen Industriestaaten empfindliche Umsatzeinbussen zu
verzeichnen haben.
Im Innern des Zitierkartells
Atteslanders Karriere als
Industrieberater ist nicht immer gradlinig verlaufen. Vor allem zu
Beginn hatte er grosse Mühe, die Tabakmanager von seinen Qualitäten
zu überzeugen. Als er 1989 ein Gegengutachten zu der Broschüre
«Rauchen und Sterblichkeit in der Schweiz» vorlegte, meldeten sich
Vertreter vom bundesdeutschen Verband der Cigarettenindustrie (VdC)
zu Wort. Ihrem Leseeindruck nach hatte der Experte seinen Kommentar
in einem Stil verfasst, «der aus der Feder von PM [Philip Morris]
stammen könnte». Das war kein Lob, sondern ein Tadel. Auch die
Mitarbeiter von Shook, Hardy&Bacon waren nicht immer mit
Atteslanders Verlautbarungen zufrieden: «Er wird selten konkret und
braucht zu lange, um vage Dinge zu erläutern», heisst es in einer
vertraulichen Mitteilung der Anwaltskanzlei über den Hang des
Professors zur Weitschweifigkeit.
Wer die Idee hatte, aus
dieser Schwäche Atteslanders eine Stärke zu machen, ist unklar. In
Frage kommt der PM-Manager Jean Besques, der von der Wirksamkeit der
«indirekten Kritik» überzeugt war. Gemeint ist damit der Kunstgriff,
die Argumente der «Antis» nicht frontal zu attackieren, sondern sie
eher beiläufig im Rahmen allgemeiner Erörterungen anzugreifen.
«Macht Arbeit krank?», «Prävention als Risiko?», «Epidemiologie als
Demoskopie» – unter derart unverfänglichen Überschriften hat
Atteslander serienmässig Texte in Absprache mit der
Zigarettenindustrie produziert. Darin tritt er wortreich als
Verteidiger von Prinzipien auf, die niemand ernsthaft in Frage
stellt. Er plädiert gegen «Überreglementierung» und für
«Selbstverantwortung», gegen «Fehlinvestitionen» und für «Vernunft».
Erst wenn der Autor in einer Nebenbemerkung illustriert, was er für
vernünftig hält, kommt er zur eigentlichen Hauptsache. Die
Entstehung von Zivilisationskrankheiten wie Krebs sei ein ungeheuer
komplexer Vorgang, hier einen einzelnen Risikofaktor wie das Rauchen
hervorzuheben, sei eine unzulässige Vereinfachung. O-Ton
Atteslander: «Tabaktote kommen eher in den Medien vor als in
ernsthaften epidemiologischen Studien.» Wenn Atteslander in seinen
Publikationen die Bemühungen um den Nichtraucherschutz in Frage
stellte, verwies er gerne auf ähnlich lautende Stellungnahmen
namhafter Statistiker wie Martin Rutsch (Universität Karlsruhe),
Berthold Schneider (Medizinische Hochschule Hannover), Karl Überla
(Ludwig-Maximilians-Universität München). Dass auch seine
akademischen Kronzeugen Gelder von der Zigarettenindustrie bezogen,
erfuhren Atteslanders Leser nicht. Diese Zitierpolitik war kein
Zufall, sondern Teil einer Branchenstrategie, die unter dem
Codenamen «European witness development» firmierte. Sie zielte
darauf ab, industriefreundliche Experten in ein internationales
Netzwerk einzubinden. Es war eine der Aufgaben Atteslanders, dieses
Netzwerk zu pflegen und zu erweitern. Gemeinsam mit Managern und
anderen Industrieberatern hat er einschlägige Veröffentlichungen
geplant und Veranstaltungen organisiert.
Eine von den
Tabaklobbyisten gern genutzte Tagungsreihe waren die
«Gesundheitsgespräche» des Europäischen Forums Alpbach. Im Jahr 2000
wurden Beiträge zu dieser Gesprächsrunde in einem Sonderheft der
Zeitschrift Das Gesundheitswesen abgedruckt. Atteslander hatte
hierfür mit Johannes Gostomzyk, dem Schriftleiter der
Fachzeitschrift, den VdC um einen Druckkostenzuschuss gebeten.
Gostomzyk hatte bereits zuvor als Leiter des Augsburger
Gesundheitsamts Forschungsgelder vom deutschen Branchenverband
bezogen. Zudem gehörte er laut Briefkopf zeitweilig zur
wissenschaftlichen Leitung der Arbeitsgruppe Gesundheitsforschung,
über die Atteslander die Mehrzahl seiner Arbeiten für die
Tabakindustrie abgewickelt hat. Gostomzyk ist heute Ehrenpräsident
der Deutschen Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention.
«Was wollen Sie eigentlich?»
Die Adressaten der
Gutachten, die von dem Expertenzirkel im Auftrag der Tabakindustrie
erstellt wurden, waren die politischen Entscheidungsträger. Der
Politik sollte der Eindruck vermittelt werden, dass
industriekritische Studien unter Fachleuten umstritten sind und es
deshalb viel zu früh ist, irgendwelche Entscheidungen zu treffen.
Atteslander nannte das «Forschung für externe Wirkung». Im September
1992 begründete er in einem Brief an Philip Morris, warum er ein
noch ungedrucktes Manuskript für die Fachzeitschrift Soziale Welt an
den zuständigen EU-Kommissar und einen Ministerialrat im Bonner
Forschungsministerium geschickt hatte: «damit die erwünschte Wirkung
nicht auf die wahrscheinlich erst in Monaten zu erwartende
Veröffentlichung warten muss».
Denselben Effekt sollten auch
Atteslanders persönliche «Interventionen» erzielen. Als am 17.
Januar 1990 in Bern Vertreter der Schweizer Gesundheitsbehörden mit
Repräsentanten der Zigarettenindustrie zusammenkamen, war der
Soziologe als Sachverständiger eingeladen. In seinem Redebeitrag
nahm er sich viel Zeit, um generelle Fragen zu den Prioritäten und
Perspektiven der Gesundheitspolitik zu stellen, bis schliesslich
Franz Wyss, der Zentralsekretär der Schweizerischen
Sanitätsdirektorenkonferenz, die Geduld verlor und ihn mit dem
Zwischenruf unterbrach: «Was wollen Sie denn eigentlich?» Darauf
Atteslander betont gelassen: «Ich will nur eine Antwort auf meine
Fragen. Aber es sieht so aus, als hätte ich da einen wunden Punkt
getroffen...» Im Sitzungsprotokoll des Zigarettenverbands wird der
weitere Gesprächsverlauf wie folgt geschildert: «Atteslander hat es
geschafft, Wyss total in Rage zu bringen – Wyss ist laut geworden
und hat ziemlich beleidigende Ausdrücke benutzt.» Die Genugtuung,
die hier mitschwingt, erklärt sich aus dem Umstand, dass ein hoher
Beamter des Innenministeriums Zeuge des Vorfalls geworden war.
Einmal mehr hatte der Industrieberater unter Beweis gestellt, dass
«Antiraucher-Fundamentalisten» zu «vordergründiger Polemik» neigen,
statt – wie er selber – sachlich und ausgewogen zu argumentieren.
Weil Wyss seine Unabhängigkeit in Frage gestellt hatte, beschwerte
sich Atteslander nachher schriftlich bei dessen Vorgesetzten: «Mich
als ‹Vertreter der Tabakindustrie› zu bezeichnen, muss ich
ablehnen.»
Rauchzeichen aus der Mensa
Im Katalog der Aufgaben, die
Atteslander für Philip Morris erfüllen sollte, findet sich auch der
Punkt «wissenschaftliche Arbeit mit Studenten». Inwieweit der
Professor seine Lehrveranstaltungen dazu genutzt hat, Nachwuchs für
den Tabakkonzern zu rekrutieren, geht aus den Dokumenten nicht
hervor. Fest steht aber, dass er Studenten in ein «Feldexperiment»
einbezogen hat, das mit seiner Beratertätigkeit in Zusammenhang
stand. Dabei sollte beobachtet werden, was passiert, wenn sich
jemand im Nichtraucherbereich der Augsburger Uni-Mensa eine
Zigarette anzündet. Das Ergebnis überraschte: Nur 2 der 27
Testpersonen beschwerten sich, obwohl 18 von ihnen im
anschliessenden Interview meinten, sie hätten sich durch den Rauch
gestört gefühlt. Atteslander zog daraus weitreichende Schlüsse: Es
sei ein «Missbrauch von Sozialdaten», wenn Massnahmen gegen das
Rauchen durch Umfragen legitimiert würden. Nichtraucher seien im
Alltag nämlich viel nachgiebiger, als es ihre verbal geäusserten
Einstellungen vermuten liessen. Unter dem Titel «Toleranzverhalten
und Rauchen» präsentierte er seine Erkenntnisse dem
wissenschaftspolitischen Ausschuss des Verbands der
Cigarettenindustrie.
Das Urteil des VdC-Gutachters fiel
vernichtend aus: Atteslanders Studie tauge nicht einmal zu einer
Voruntersuchung und sei «nicht geeignet, nach aussen hin verwendet
oder gar veröffentlicht zu werden». Den Professor hat das nicht
davon abgehalten, das Mensa-Experiment in seinem Methodenlehrbuch
aufzuführen. Offenbar gelten die strengen Qualitätskriterien, die er
an die Studien zu den Risiken des Rauchens anlegt, nicht für seine
eigenen Untersuchungen.
Die «Memos», die Atteslander für
Philip Morris verfasst hat, klingen wie die Berichte eines Agenten,
der einer gigantischen Verschwörung auf der Spur ist. Unablässig
warnt er vor «militanten Gruppen», die «unter dem Deckmantel der
Prävention» obskure Ziele verfolgen und Bündnisse eingehen mit
machtgierigen Bürokraten und sensationsgierigen Medien. Auch auf die
grosse Mehrzahl seiner Kollegen sei kein Verlass, so der Professor,
denn die würden für die «Krebsforschermafia» arbeiten und seien
entsprechend «einäugig». Er selber will dagegen stets dem Ideal der
wissenschaftlichen Wahrheitsfindung treu geblieben sein. Als im
Deutschen Ärzteblatt Anfang 1998 Kritik an seinen Aussagen zum
Passivrauchen laut wurde, antwortete er: «Es wäre hilfreich, wenn
stringent nachgewiesen würde, wo ich durch ‹unkritische Übernahme
von Argumentationsweisen› der Tabakindustrie zu Diensten gewesen
sein soll.» Chung-Yol Lee und Stanton Glantz haben nichts anderes
getan, als dieser Aufforderung Folge zu leisten.
Atteslander
aber hält die Vorgehensweise seiner Kritiker für ungerechtfertigt.
Die Quellen, auf die sich ihr Bericht stütze, seien von ihm nicht
autorisiert worden, betonte der Soziologe gegenüber der Weltwoche.
Das Arbeitsprogramm, das Philip Morris für ihn massgeschneidert hat,
habe ihm selber nie vorgelegen, auch sonst habe er keinerlei
Weisungen von seinen Geldgebern erhalten. Vehement setzt sich
Atteslander gegen den Vorwurf zur Wehr, seine Beratertätigkeit für
die Zigarettenfirmen verheimlicht zu haben. In Wirklichkeit habe er
sich mehrfach bei Anhörungen und auf Pressekonferenzen als Gutachter
der Tabakindustrie zu erkennen gegeben. Auf die Frage, ob er dies
auch gegenüber Mitarbeitern der WHO getan habe, antwortet er
ausweichend, er möge sich an Gespräche mit Dr. Vienonen erinnern,
auch über seine Analysen epide- miologischer Arbeiten über das
Rauchen. Doch der finnische WHO-Koordinator bezweifelt, dass es
solche Gespräche gegeben hat.
Wem Datenschutz nützt
Zumindest im Hinblick auf seine
Erinnerungspolitik ist Atteslander ein «archetypischer Fall» eines
Industrieberaters. Bislang haben alle inoffiziellen Mitarbeiter der
Tabakkonzerne nach ihrer Enttarnung beteuert, nur dem Gemeinwohl
gedient zu haben. Wer wissen will, wie es wirklich war, muss die
Originaldokumente zu Rate ziehen. Eben deshalb haben die
US-Bundesstaaten 1998 in einem Abkommen darauf bestanden, die Akten
aus den Prozessen gegen die Zigarettenhersteller der Öffentlichkeit
zugänglich zu machen. Die Rechtsprechung in den USA ist
wahrscheinlich einer der Hauptgründe dafür, dass Philip Morris und
British American Tobacco ihren Hauptsitz in die Schweiz verlagert
haben. Hier behandelt man Geschäftsgeheimnisse erfahrungsgemäss
diskret. Peter Atteslanders Nachfolgern soll die Peinlichkeit einer
öffentlichen Blossstellung erspart bleiben.