Publikations-Datum: 20001121
Seite: 2
Beim
Geschäft mit dem Tabak geht es um riesige Summen von Geld. Entspre- chend
unzimperlich sind die Kampfstrategien der Tabak- industrie. Gegen sie formiert
sich vermehrt Widerstand.
Autor: Von Christine D'Anna-Huber
Der Genfer Arzt
Jean-Charles Rielle hat einen Traum: "Es ist irgendein Tag im Jahre 2005
oder 2007. Ein Richter ruft mich in den Zeugenstand und fragt: Kannten die
Schweizer Behörden im Zeitraum von 1990 bis 2000 die Folgen der Tabaksucht?
Wussten sie, dass Rauchen in unserem Land 8000 Menschen das Leben kostet, dazu
zu chronischen und invalidisierenden Krankheiten führt, zu vermeidbarem Leiden
und sozialen Kosten? Ich antworte: Ja. Der Richter stellt eine zweite Frage:
Haben die Behörden eine ernst zu nehmende Präventionspolitik entwickelt und
dabei die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation berücksichtigt? Ich
sage: Nein! Schlimmer noch, sie haben jede Initiative unterdrückt, welche die Tabakindustrie
zu stark behelligt hätte."
Dass Jean-Charles
Rielle, der Fachmann in Sachen Prävention, in letzter Zeit unruhig träumt,
hängt mit einer Tagung zusammen, die das Bundesamt für Gesundheit (BAG) am 8.
November zum Thema "Tabakprävention in den Schulen" durchgeführt hat.
An diese Impulstagung wurde auch Edgar Oehler eingeladen, der Präsident der
Vereinigung der schweizerischen Zigarettenindustrie (CISC), er sollte über
"die Selbstbeschränkungen der Tabakindustrie für Jugendliche"
referieren. Derselbe Oehler hatte 1998 anlässlich einer internationalen
Fachmesse des Zigarettenhandels in Genf erklärt, BAG-Direktor Thomas Zeltner
wolle eine Schweiz ohne Tabak, die Tabakindustrie eine Schweiz ohne Zeltner.
Für Rielle ist die
Präsenz des Tabak-Cheflobbyisten ein Zeichen dafür, dass die Tabakindustrie es
erzwungen hat, als glaubwürdige Partnerin der Gesundheitsbehörden auftreten zu
können. Damit verkomme die mit einem Budget von nur 2,5 Millionen Franken pro
Jahr dotierte Tabakprävention des Bundes zur Alibipolitik. Für die Prävention
im Bereich Aids und Drogenabhängigkeit verfügt das BAG im Vergleich über
insgesamt 20 Millionen Franken. Die Tabakbranche schliesslich investiert
jährlich 80 Millionen Franken in Werbung.
In Bern weist man den
Vorwurf, Druckversuchen erlegen zu sein, zurück: "Gerade weil bei der
Tabakprävention die kontroverse und verwirrliche Rolle der Tabakindustrie nicht
ignoriert werden kann, soll diesem Aspekt auch im Rahmen einer Veranstaltung,
die sich an Lehrkräfte richtet, Rechnung getragen werden", teilt das
Bundesamt in einer Stellungnahme mit. "Das BAG schliesst aber auch in der
Zukunft eine Zusammenarbeit mit der Industrie im Bereich der Tabakprävention
aus."
Doch Rielles Bedenken
haben verschiedene in der Prävention tätige Westschweizer Organisationen
bewogen, die Tagung zu boykottieren. Sie sagten: "Wir wollen die perverse
Haltung der Zigarettenhersteller der Jugend gegenüber nicht noch
sanktionieren." "Schade und unnötig", findet solches Verhalten
der BAG-Sprecher, Lorenz Hess, "vor allem, weil die Industrie die
Meinungsverschiedenheiten unter Präventionsfachleuten genüsslich
beobachtet." Und offenbar auch Schlüsse daraus zieht. Schliesslich hat die
Tabaklobby mitgeteilt, sie verzichte auf eine Präsenz an der Tagung. Ihr
Sprecher Yves Romanens sagt: "Für uns war die Einladung der Beweis einer
willkommenen Öffnung von Seiten des BAG. Aber wir wollen den Erfolg der
Veranstaltung nicht gefährden."
Der Vorwurf einzelner
Gesundheitsorganisationen, das Bundesamt für Gesundheit sei den
Beeinflussungsversuchen der Tabakindustrie erlegen, zielt mit Sicherheit an
Thomas Zeltner vorbei, dem Direktor des BAG. Unter seiner Leitung hat die WHO
einen Bericht über verschwörerische Aktivitäten und Ablenkungsmanöver der Tabakkonzerne
ausgearbeitet. Der Bericht, der in diesem Sommer erschienen ist, zeigt auf, mit
welchen ausgeklügelten und grosszügig finanzierten Strategien die Industrie
systematisch versucht hat, die WHO zu unterwandern und zu diskreditieren. Zum
Beispiel in Entwicklungsländern, wo versucht wurde, die Anti-Tabak-Initiativen
der WHO als einen weiteren Bevormundungsversuch der ehemaligen Kolonialmächte
darzustellen und die Konsequenzen eines Rückgangs des Tabakanbaus zu
dramatisieren.
Die Studie stützt
sich auf Dokumente, die nach den Schadenersatz-Urteilen in den USA über
Internet zugänglich geworden sind. Für die Tabakindustrie, welche die Vorwürfe
entschieden zurückweist, sind das Papiere aus längst vergangenen Zeiten. So
teilte Philip Morris etwa mit, die Industrie sei durchaus zu einer vernünftigen
Kooperation mit der WHO bereit. Doch schon muss sie sich gegen den nächsten
Vorwurf verteidigen. Sie wird immer stärker verdächtigt, den
Zigarettenschmuggel, der Steuereinbussen in Milliardenhöhe verursacht, zu tolerieren
oder sogar zu fördern.
Beglaubigte Zahlen
fehlen zwar, aber anerkannte Spezialisten wie Clive Bates, der Direktor der
englischen Anti-Tabak-Bewegung Action on Smoking and Health, glauben, dass ein
Drittel aller Zigaretten illegal verkauft werde. Gemäss Schätzungen beläuft
sich die Zahl des weltweiten Zigarettenschmuggels auf etwa 280 Milliarden Stück
pro Jahr, der Einnahmeausfall für die staatlichen Haushalte soll sich auf mehr
als 16 Milliarden Dollar belaufen.
Den Anreiz zum Schmuggel
stellen dabei nicht, wie vielfach angenommen, die Preisunterschiede dar, die
sich wegen der unterschiedlichen Steuerbelastungen ergeben. Der Schmuggel
erfolgt mit steuerfreien Zigaretten, die meist aus Nordamerika völlig legal in
europäische Freihäfen wie Antwerpen gelangen. Von dort werden sie, immer noch
legal, Richtung Osteuropa weiterverschoben. Und lösen sich dann, containerweise
und ohne jemals versteuert worden zu sein, in dünne Luft auf, um über den
Schwarzmarkt in die EU zurückgeschmuggelt zu werden. Besonders stark betroffen
sind Deutschland und Italien.
In Deutschland wird
das Problem als "Ameisenschmuggel" bezeichnet: In zahlreichen
Kleinsendungen in Privatwagen und kleinen Lieferwagen werden die Zigaretten aus
osteuropäischen Ländern über die Grenze gebracht. Nach Italien hingegen
gelangen die Zigaretten in grossen Mengen auf dem Seeweg über die Adria, in
Schnellbooten von den Republiken des ehemaligen Jugoslawien und von Albanien
aus.
Die beschlagnahmten
Zigaretten lassen vermuten, dass die populärsten Schmuggelsorten amerikanischer
Herkunft sind. Auffallend ist, dass diese Zigaretten in der Regel nicht so
verpackt sind wie die für den regulären EU-Binnenmarkt gelieferten: Die
Hinweise auf die gesundheitsschädigende Wirkung fehlen entweder ganz oder sind
in ungeeigneten Sprachen formuliert. Und die Produktionscodes zeigen, dass die
Ware in Fabriken hergestellt wurde, die normalerweise nicht den EU-Markt
versorgen.
Ein
Untersuchungsausschuss des Europäischen Parlamentes hielt deshalb schon 1997
fest, der Industrie könne nicht unbekannt sein, was mit ihrer Ware geschehe:
"Wenn ein Hersteller eine bestimmte Menge Zigaretten für den Verkauf auf
dem Binnenmarkt eines bestimmten Landes herstellt und verpackt und diese Menge
über das Zigarettenaufnahmepotenzial dieses Landes weit hinausgeht - sofern
nicht alle Erwachsenen, Kinder und Haustiere täglich 20 Stück rauchen -, müsste
dies normalerweise Verdacht erregen."
Die Industrie
streitet hartnäckig ab, an Machenschaften in irgendeiner Weise beteiligt zu
sein. Fachleute sagen aber, dass der Schmuggel den internationalen
Zigarettenherstellern durchaus Vorteile bringe. Er erlaube es, das
Absatzvolumen zu steigern, neue Märkte zu erobern und "lokale"
Konkurrenten auszubooten. Besonders Jugendliche könnten zum Rauchen verführt
werden, wenn die "coolen" amerikanischen Marken bis zu einem Drittel
billiger zu haben seien als die landeseigenen.
Ausserdem öffnet der
Schmuggel Märkte. So zitierte Luc Joossens, Präsident der Belgischen Koalition
gegen Tabak, bei einer Anhörung vor dem Euro-Parlament im November 1996 das
Beispiel von Südamerika. Dort war der Markt in den Sechzigerjahren geschlossen,
das Importverbot wurde aber durch den Schmuggel mit internationalen Marken
umgangen. Kaum lockerte ein Land seine Einfuhrbestimmungen, verschwand auch der
Schmuggel.
Bisher konnte, wie
gesagt, die vermutete Verstrickung der Zigarettenindustrie ins
Schmuggelgeschäft nicht nachgewiesen werden. Doch häufen sich die Versuche, es
zu tun. Kanada, Kolumbien und Ecuador haben Verfahren gegen den internationalen
Tabakschmuggel angestrengt. In Europa hält OLAF, die
EU-Betrugsbekämpfungsbehörde, nach jahrelangen Bemühungen nun offenbar mehr als
nur Hinweise in den Fingern: Am 7. November hat die EU-Kommission die
US-Tabakkonzerne Philip Morris und Reynolds bei einem Zivilgericht im
US-Bundesstaat New York wegen Zollausfällen von gut 3 Milliarden Franken pro
Jahr verklagt. Auch das britische Handelsministerium in London hat sich Ende
Oktober dazu entschlossen, ein Verfahren gegen British American Tobacco zu
eröffnen; es stützt sich dabei auf Material, das von Action on Smoke and Health
minutiös recherchiert wurde.
BILD PETER
TAYLOR/GAMMA LIAISON
In
den reichen Ländern nimmt der Zigarettenkonsum ab (im Bild ein Tabakfarmer in
North Carolina).